Claudia Bischitzky
Abendsonne
Ganz seltsam, wenn ich an gestern denke.
Eigentlich will ich doch meine Ruhe haben von den Kerlen. Schon lange brauch ich
das nich mehr. Nicht, dass ich es mir vorgenommen hab. Es ist einfach so.
Ein Kerl, der macht doch nur Stress.
Ich hab meine Tochter. Sarah pubertiert gerade vor sich hin, aber irgendwie auf
eine unaufdringliche Art und Weise. Seit kurzem sagt sie auch Doro zu mir, nicht
mehr Mama.
Ich find ja auch, das passt inzwischen besser.
Sarah hält auch nich viel von den Kerlen, sie sagt, wir zwei, das reicht ihr
total. Sie braucht ihren Vater nicht. Der ist ja sowieso nur ihr Erzeuger.
Immerhin hab ich unser Leben bisher sehr gut und gerne alleine gestemmt … vor
allem unabhängig, ganz unabhängig.
Das soll auch so bleiben.
Sarah und ich, wir beide kommen gut miteinander zurecht. Bei ihr weiß ich
wenigstens, woran ich bin. Und da soll mir gar keiner dazwischen funken. Das
bringt mir nur mein Leben durcheinander.
Ich hab meinen Fernseher, mein Bett, von dem aus ich Abends durch das Fenster
die untergehende Sonne - manchmal glutrot - sehen kann, und ich hab Sarah, die
ich in ihrem Zimmer herum wuseln höre. Unsere Türen sind immer offen.
Manchmal kommt sie noch zu mir Kuscheln, so wie früher, als sie klein war.
Das reicht mir alles völlig.
Ja und was war das dann gestern bei Speiche?
Seit langem war ich mal wieder mit Clara dort. Am Jahresbeginn machen wir das
immer, in alter Tradition. Das neue Jahr muss mit Speiche beginnen.
Wir wollten an diesem Abend gute Musik hören, unter Leuten sein, ohne viel
quatschen zu müssen. Auf jeden Fall nicht über Probleme. Das muss ich ja schon
den ganzen Tag auf Arbeit tun und Clara auch.
Bei Speiche geht das wunderbar. Man taucht in die Kneipe ein, lässt sich
hineinfallen und nimmt auf, was kommt. In der Regel ist das nur Gutes.
Ja also, was mach ich Trottel? Da quatsche ich doch den Erstbesten an, der mir
über den Weg läuft bzw. ich ihm. Gut, ich dachte ja auch: Mensch, den kennst du
doch irgendwo her!? Und in diesem Moment fiel mir auch sein Name ein. Ich ging
auf ihn zu und lehnte mich neben ihn an den Tresen. „Klaus, das ist ja ein
Zufall! Was machst du denn hier in Berlin? Das ist doch bestimmt schon 20 Jahre
her oder so. Das war... in Meiningen, ja, bei dieser legendären Session, wo am
Ende der ganze Saal zerlegt wurde...“
Klaus schaute mich freundlich und sehr aufmerksam an: „Ah ja, stimmt...“,
murmelte er, aber ich redete schon weiter, von den alten Zeiten in Meiningen, wo
ich ja immerhin die ersten 25 Jahre meines Lebens zugebracht hatte. Ich redete
und redete und kam einfach von dem Kerl nicht mehr los. Der hatte aber auch was
Gemütliches, wie die Meininger halt eben so sind. Kein langes, dummes Gedödel.
Das war mir ausgesprochen angenehm.
Irgendwann war dann wohl mein Redefluss versiegt und wir bewegten uns aneinander
gelehnt entspannt zur Musik, während Manne Chicago den Boogie-Woogie ins Piano
hämmerte. Wie immer auf dem Klavierhocker und zwei Telefonbüchern sitzend.
Clara war schon lange an den Tisch eines eigentlich Verflossenen abgetaucht. Ich
hatte es wahrgenommen, diesmal aber nicht spitz darauf reagiert, sondern gar
nicht, obwohl ich den Typ überhaupt nicht ab konnte.
Ja, und plötzlich war es schon nach 2 Uhr, Manne Chicago saß bereits auch vorne
am Tresen, mit seinem Bier, Clara war verschwunden, wahrscheinlich mit dem
Typen, und Klaus machte den Vorschlag, wir zwei könnten ja eigentlich noch mal
woanders rein gucken oder so.
Ich hatte überhaupt nichts dagegen.
Beim Herausgehen bemerkte er ganz beiläufig: „Übrigens passiert mir das häufig,
dass ich verwechselt werde. Hab wohl ein Allerweltsgesicht. Aber das ist gar
keine schlechte Möglichkeit, Menschen kennen zu lernen.“ Dabei schaute er mich
mit seinem gemütlichen Meininger-Lächeln verschmitzt an.
Aber da war es schon zu spät, den Kerl zum Mond zu schießen.
Nun liege ich auf meinem Bett und der Sonnenuntergang da draußen nervt mich,
weil ich nicht weiß: Soll ich oder soll ich nicht?
© Claudia Bischitzky, Juni 2000/Februar 2012
Doris in memoriam
[15.07.1955 -
02.11.2011]